Heute las ich, dass ich als Linke dazu verdammt bin, einem "irrglauben an[zu]hängen, dass "die sexualität" aus den fängen einer rigiden und prüden, religiös beeinflussten bürgerlichen moral zu "befreien" wäre". (Quelle) Der ansonsten hochinteressante Beitrag (mit ebenso spannender Diskussion im Anhang) krankt an solchen Unterstellungen, die für mich so nicht nachvollziehbar sind. Nicht zuletzt bieten überflüssige Seitenhiebe gegen die Linke auch wieder Anlaß für etwas Gezeter über "die linken, "progressiven" Karrierefeministinnen", die sich keine "Gedanken um die Bedürfnisse der Kinder, um wirkliche, echte u. natürliche zwischenmenschliche Beziehungen" machen. Ich unterstelle mal Absicht, denn weder das eine noch das andere hat irgendetwas mit linker Politik zu tun.

Nun kann es sein, dass ich als 'DDR-Linke' ohnehin ein anderes Verhältnis zum Sex (und zur Prüderie) habe, aber selbst für den Westen in Bezug auf die Kommune-bewegung der 68er etc, ist die sexuelle Befreiung nicht wirklich politisch (und in der Ausführung schon mal überhaupt nicht). Das ist einfach nur Rebellion gegen die Verklemmtheit der autoritären Elterngeneration (auf schockierenwollen als effekt). Nicht ein zuviel an linker (alternativ: feministischer Theorie) besorgt die Verspannungen, sondern vielmerh ein zuwenig. Emanzipation (als politischer Anspruch) ist die eine Sache, es über Sexualität zu tun, eine andere. Die Sexualität aus den Fängen einer rigiden und prüden, religiös beeinflussten bürgerlichen Moral zu "befreien", hat auch nichts mit Geschlechtsverkehr zu tun (vielleicht ist es aber ein vorwand, um alles zu vögeln, was bei 3 nicht aufem baum ist), sondern ist staubtrockene, hochlangweilige Theorie. Über die Befreiung der Sexualität aus Zwängen zu reden, erfordert nicht mal, überhaupt Sex zu haben. Das offenkundige Ausleben ist da nur Provokation, keine Bedingung.

Dabei die bürgerliche Sexualmoral für rigide und prüde zu halten, um sich eine Befreiung zu wünschen, ist schon ein Politikum. Für DDR-Bürger sind solche Vorstellungen wie auch deren angedachte Lösung hochkurios und kaum nachvollziehbar. Was soll das denn werden?

Passend hier zu (und viel komplexer) als mein Versuch, das (und auch mein Problem) mit der allgemeinen Wahrnehmung (siehe obiges Zitat) zu umschreiben, ein aktueller Beitrag in der jungle world: Von der Phalansterie in den Darkroom Tim Stüttgen schreibt darin:

Heterosexuell gesprochen war die Devise also erst mal: mehr machen. Mit mehreren. Keine schlechte Idee. Doch der Stress und die Erschöpfung, die das mit sich brachte, folgten später. Das Private ist eine ambivalente Sphäre, in der das Intime der Zweierbeziehung Besitz und Gewalt verstecken mag – doch ohne das Private kann es auch eng werden im moralisch-emotionalen Selbsthaushalt. Aber man soll die Kämpfe bekanntlich nicht mit ihrem Scheitern in eins setzen. Neue Ideen und Interessen an Politiken des Experiments und eine polymorph-polygame Sexualität überleben bis heute als ernsthafte Versuche für eine andere Welt. Dass dabei das Ablegen der Fesseln vorschnell mit dem Ablegen der Klamotten und wildem Losvögeln gleichgesetzt wurde, war sicher etwas naiv. Nacktheit als Metapher für Freiheit? Naja.

Das Verhältnis der Linken zum Sex (machen und reden) ist also durchaus verschieden und dazu vom theoretischen Hintergrund abhängig. Eine homogene Haltung der Linken und/oder Feministinenn zum Sex gibt es nicht. So etwas zu unterstellen, ist einfach falsch und ich verstehe solche versuche, als Teil einer "rigiden und prüden, religiös beeinflussten bürgerlichen moral", die mir vorschreiben will, was ich zu denken haben. Mir geht es um Selbstbestimmung - egal, was ich tue oder lasse. Dazu gehört auch, ein Spießer sein zu dürfen (oder nicht).

Selbstbestimmung ist sexy.

:-)