Spannend hierzu ist ein Absatz aus der jungen welt, zum Thema Zwei Welten:

Feminismus trifft Ostfrau

In der DDR hatten sich die Leserinnen der Unterhaltungszeitschrift Das Magazin weniger an der Abbildung weiblicher Nacktheit gestört als an der Abwesenheit männlicher Nacktheit. 1974 hatte dies zu einer breiten Leserbrief-Diskussion geführt: »Alle hier anwesenden Frauen bitten Das Magazin, aufgrund der Gleichberechtigung der Frau in Zukunft wenigstens im März anläßlich des Frauentages das Aktfoto eines Mannes zu veröffentlichen«, schrieb eine Frauenfeiertagsgesellschaft. Ein männlicher Leser empfand es sogar als Diskriminierung seines Geschlechts, daß bis dato nur die Schönheit des weiblichen Körpers gewürdigt worden war. Im Februar 1975 wurde dann endlich dem Wunsch der Leserinnen und Leser nach einem nackten Mann entsprochen.

Die Tendenz zur Sexualfeindlichkeit war ein berechtigter Kritikpunkt vieler Ostfrauen an Westfeministinnen, und sie war auch ein wichtiger Grund, warum der Feminismus von einem Großteil der jüngeren Frauen in Ost und West abgelehnt wurde. Dieses Problem teilten linke Feministinnen mit bürgerlichen.

Während die bürgerlichen nach Macht und Anerkennung strebten, entzogen sich linke, autonome Feministinnen so weit es ging der Gesellschaft, die sie kurzfristig nicht ändern konnten. Einige gründeten alternative Frauencafés oder Frauenbuchläden. Manche sahen den Feminismus als wichtiges Kernelement zur Befreiung der Menschheit an, organisierten sich aber politisch in »gemischten« Gruppen, wo sie versuchten, das Bewußtsein in ihrem persönlichen Umfeld zu ändern. Dabei unterzogen sie gerade die Männer einer besonders radikalen Kritik, die ihnen weltanschaulich am nächsten standen. Andere organisierten sich politisch in reinen Frauengruppen, lebten in Frauenwohngemeinschaften und lehnten heterosexuelle Kontakte nicht nur aus persönlicher Neigung, sondern auch aus politischen Gründen ab: Sex mit Männern war aus ihrer Sicht Kollaboration mit dem Patriarchat.

Viele der ehemaligen DDR-Bürgerinnen, die mit dieser Ideologie in Kontakt kamen, brachten Feminismus in erster Linie mit Männerhaß in Verbindung. Anstelle eines gesunden Selbstbewußtseins bei den Westfrauen stellten sie eine grobe Verunsicherung bei den Westmännern fest: »Als ich aus dem Osten in den Westen kam, habe ich mich wohl ähnlich gefühlt wie eine Frau, die aus Lateinamerika nach Europa kommt – nämlich als Frau nicht mehr existent«, sagt Simone, Jahrgang 1963 und gelernte Elektrikerin. »In der DDR war es so: Da wurde geflirtet. Da bekam man als Frau auch mal mitten auf der Straße ein Kompliment oder einen Strauß Blumen in die Hand oder wurde zum Kaffee eingeladen. Männer und Frauen haben sich durchaus wahrgenommen. Und im Westen war das plötzlich weg – da habe ich nur lauter verunsicherte Männer gesehen, die sich nicht mal mehr getraut haben, mir die Tür aufzuhalten.« War die Prüderie der Nachkriegszeit später nur mit anderen Vorzeichen versehen worden? – Nein, ganz so einfach war es nicht.

Ihren Ursprung hatte die feministische Tendenz zur Sexualfeindlichkeit im berechtigten Ärger der Frauen darüber, wie egoistisch manche Männer die »sexuelle Revolution« der Studentenbewegung von 1968 auslegten. (…)

Auf der 23.Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in Frankfurt am Main kam es am 13.September 1968 zu einem Eklat, der als »Frankfurter Tomatenwurf« in die Geschichte einging und für viele den Beginn der »Neuen Frauenbewegung« markiert. Die Delegierte Helke Sander hatte eine Rede gehalten, in der sie den männlichen SDS-Mitgliedern vorwarf, die spezifische Ausbeutung der Frauen im privaten Bereich zu tabuisieren, und den SDS als »Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse« bezeichnete. Weil die männlichen Delegierten nicht bereit waren, ihre Thesen zu diskutieren, und der nächste Redner, Hans-Jürgen Krahl, mit keinem einzigen Wort auf den Beitrag einging, bewarf die Berliner Studentin Sigrid Rüger ihn und den SDS-Vorstand mit Tomaten.

In der DDR war wenige Monate zuvor im Volksentscheid mit 94,49 Prozent Ja-Stimmen eine sozialistische Verfassung angenommen worden. »Mann und Frau sind gleichberechtigt und haben gleiche Rechtsstellung in allen Bereichen des gesellschaftlichen, staatlichen und persönlichen Lebens«, stand in Artikel 20. »Die Förderung der Frau, besonders in der beruflichen Qualifizierung, ist eine gesellschaftliche und staatliche Aufgabe.« Diese Politik hat ihre Spuren hinterlassen.

»Die Westfrauen waren der Meinung, sie müßten uns armen Ostfrauen erklären, wie es richtig laufen sollte. Die wollten uns dabei helfen, unsere Freiheit durchzusetzen«, so die Schauspielerin Walfriede Schmitt über ihre ersten Begegnungen mit westdeutschen Feministinnen nach 1989.1 »Nur leider waren die drüben viel weiter zurück als wir. Selbst die Abtreibung war im Westen ja noch halbwegs illegal. Wenn du in der DDR abtreiben lassen wolltest, dann mußtest du keinem Rede und Antwort stehen. Mal abgesehen davon, daß es im Westen viel mehr Hausfrauen gab.«

Niedlich finde ich die Anmerkung, dass während im Westen Alice Schwarzer die Aktfotografien von Helmut Newton als "faschistisch" beschimpft und die PorNO-Kampagne läuft, in der DDR ein (wahrscheinlich beschwippstes) Frauentagskollektiv dem Magazin (eine sehr beliebte, aufgeklärte Zeitschrift in der DDR, so wie heute) erklärt, dass es zu wenig nackte Männer dort zu sehen gibt. Natürlich wurde das dann bald geändert.